Zyklisches Business: Der Frühling ist nicht nur eine Jahreszeit
Es ist kurz vor sieben Uhr morgens. Und nicht nur „frühe Vögel” befinden sich unter uns, sondern auch jene, die an diesem Samstagmorgen gerne noch geschlafen hätten. Es ist der Tag der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche, jener, wo sich Licht und Dunkel die Balance halten — danach aber das Licht überwiegt. Wir gehen zusammen in den Wald, um herauszufinden:
„Was haben wir den Winter über in uns getragen, was jetzt sichtbar werden will?”
Diese Frage setzt etwas voraus. Dass wir aus einer Zeit kommen, in der nicht alles sichtbar war. In der Dinge reifen durften, ohne sofortige Umsetzung und konkreten Plan. Der Winter ist kein Stillstand, er ist ein Raum. Ein Inkubator sozusagen.
Nichts daran ist zufällig. Diese Frage entsteht nicht irgendwann. Sondern genau dann, wenn etwas bereit ist, geboren zu werden.
Der Frühling beginnt früher, als wir denken
Im modernen Kalender gilt der 21. März als Frühlingsanfang. Im alten europäischen Jahreszeitenverständnis ist dieser Zeitpunkt jedoch nicht der Beginn, sondern bereits sein Höhepunkt. Nach dieser Einteilung beginnt der Frühling bereits am 1. Februar. Schon die Kelten feierten an diesem Tag den Übergang vom Winter in den Frühling (Jahreskreisfest Imbolc). Und wer selbst mal bewusst in der Natur ist, spürt es: Das Licht verändert sich, die ersten Schneeglöckchen erscheinen und die Stare kehren zurück. Das Thema ist: Erwachen.
Der Frühling ist mehr als eine Jahreszeit
Im Lebenskompass nach Seghezzi entspricht der Frühling der Lebensphase der Kindheit (zugeordnet sind das Element Luft und die Farbe Weiß). Geburt, Kleinkindalter, Grundschuljahre bis zum Beginn der Pubertät mit ca. 12 Jahren (vgl. Seghezzi, Kompass des Lebens). Alles möchte ausprobiert und entdeckt werden.
Genau das ist die Qualität des Frühlings. Aufsteigende Energie, die Bewegung des Entstehens. Es braucht nun nicht die ausgereifte (Entfaltungs-)Kompetenz des Sommers, sondern den Mut und die Neugier der Anfänge. Das Noch-nicht-Wissen gehört unbedingt dazu. Wir haben die Qualität des Visionierens, des luftigen Brainstormens (ohne Bewertung) und der reichhaltigen Ideenphase durch Gedankenexperimente.
Try & Error ist kein Fehler, sondern Kür und Teil des Prozesses.
Was dabei entsteht, die Hinweise, die Impulse, die wichtigsten Erkenntnisse, das ist das Rohmaterial. Der nächste Schritt ist, es in den Alltag zu bringen. Konkret bearbeiten. Mit Richtung, Ziel und Tatkraft. Also, aus (Frühlings-) Luft wird Materie. Es wird Sommer (Umsetzung, Tatkraft).
Wie sich diese Energie im Business zeigen kann und warum der Sommer weit mehr ist als „höher, schneller, weiter“, habe ich hier beschrieben:
→ Zyklisches Business: Was der Sommer deinem Business sagen will
Was das mit zyklischem Business zu tun hat
Wenn wir unsere Arbeitswelt betrachten, sind wir sehr stark auf zwei bestimmte Phasen ausgerichtet:
- Viel Frühling: neue Ideen, neue Projekte, Innovation und Beschleunigung.
- Noch viel mehr Sommer: Umsetzung, Wachstum und Dauer-Sichtbarkeit.
Was deutlich weniger Raum bekommt: der Herbst, also das Ausreifen, Auswerten, Abschließen und Danken. Und fast gar keinen Platz hat der Winter: das Innehalten, das Nicht-Wissen-Müssen, das Sterben und die Verwandlung. Stattdessen versuchen wir, dauerhaft im „Aufbruch“ oder in der „Umsetzung“ zu bleiben. Denn der Ruhemodus ist nicht konkret monetär messbar.
Ein Zustand permanenter Expansion kann auf Dauer nicht tragfähig sein. Wie Orientierung an der natürlichen Ordnung aussehen kann, habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben. Was sich aber jetzt festhalten lässt: Alle Phasen gehören dazu, um in Balance zu sein/bleiben.
Ein Gedanke, den ich im Buch Naturmystik gelesen habe, bringt das noch einmal auf den Punkt:
„Unsere kulturelle Praxis der Planung und Steuerung ignoriert das Wissen darüber, wie Wirklichkeit wirklich entsteht. Von den Quantenphysikern haben wir gelernt, dass sich Neues unter Umständen durch alle Hindernisse hindurch tunnelt. Und das Neues nicht nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung entsteht, sondern nach dem Prinzip von Beziehung.” — Ursula & David Seghezzi
Genau darin liegt eine Perspektivverschiebung: Neues entsteht nicht nur durch Planung und Umsetzung, sondern auch bzw. besonders durch Phasen der Ruhe (und das Einlassen auf die Natur als Sparringspartnerin).
Was das konkret bedeutet, lässt sich einfach erfahrbar machen. Lust, es mal auszuprobieren?
Zyklisches Arbeiten: Praxis-Test
Diese Übung kannst du jetzt sofort machen. Du brauchst lediglich zwei ca. 2 Meter lange Schnüre, zusätzlich Tücher oder Stoffe in den jeweiligen Farben der vier Himmelsrichtungen und bei Bedarf einen Kompass zur Orientierung. Gehe am besten raus in den Garten oder an den Ort, an dem du dich wohlfühlst.
Das Rad auslegen
Lege die Schnüre über Kreuz (X) auf den Boden, sodass vier Bereiche entstehen. Ein Viertel wird dabei in die jeweilige Himmelsrichtung ausgerichtet.
- Osten (Frühling; weiß): Aufbruch, Ideen, Anfänge, Ausprobieren
- Süden (Sommer; rot): Umsetzung, Wachstum, Tatkraft, Sichtbarkeit
- Westen (Herbst; blau): Reflexion, Auswerten, Verdichten, Loslassen, Abschluss
- Norden (Winter; schwarz): Rückzug, Stille, Nicht-Wissen, Reifung
Dein Standort
Stell dich in die Mitte. Nimm dir einen Moment. Dann geh langsam durch die vier Bereiche und halte kurz inne, um die jeweilige Qualität wahrzunehmen.
- Wo fehlt etwas?
- Wo fühlt es sich stimmig an?
- Wo ist viel Energie? Oder gar keine?
Jetzt die Frage: Ist alles ausbalanciert? Mache eine ehrliche Bilanz. Was ist Status quo, und nicht wo oder was du sein solltest.
BrandBalance – deine Standortanalyse
Hat das schon funktioniert? Oder war es etwas herausfordernd? Wünschst du dir eine Begleitung, die dich bei dieser Standortanalyse unterstützt? In einer BrandBalance-Session schauen wir gemeinsam auf dein Rad. Strukturiert, begleitet und mit einem klaren Ergebnis.
→ Ruft dich das jetzt? Mehr Infos zu BrandBalance
Zusammenfassung und Fazit
Ich mag es im Rhythmus des zyklischen Business mitzugehen, weil wir uns darin wiederfinden und uns verorten können. Wir wissen, wie sich Frühling anfühlt: diese aufsteigende Energie, der Drang nach außen, die Vorfreude auf das Neue. Wir kennen auch den Sommer, den Herbst und den Winter und können die Energiebewegungen instinktiv nachempfinden.
Das sind keine abstrakten Konzepte (es ist eine Gesetzmäßigkeit!). Das haben wir alle schon erlebt. Es ist eine Besinnung auf das, was wir längst kennen. Im Leben. Und im Business.
Organisationen sind eingebettet in eine Welt voller Dynamik, Widersprüche und Abhängigkeiten. Wer heute Wirkung entfalten will, braucht mehr als nur Effizienz — TheDive, Berlin
Vielleicht ist es genau das, was wir gerade wieder lernen. Zyklisches Business ist kein Trend.
An jenem Samstagmorgen im Wald hielten wir etwas in den Händen, das noch keine Form hatte. Noch nicht sichtbar. Noch nicht fertig. Aber bereits da. „Was haben wir den ganzen Winter in uns getragen, was jetzt sichtbar werden will?” Bei allen Teilnehmerinnen war es weniger eine klare Antwort als vielmehr eine Ahnung. Ein Aufbruchsgefühl mit Vorfreude, ohne konkreten Plan. Das fand ich sehr spannend zu beobachten.
Das ist es, was der Frühling deinem Business sagen will: Bereit ist kein Moment. Bereit ist eine Phase: leicht wie Luft, offen wie ein Anfang. Man darf ausprobieren. Man darf Erfahrungen sammeln. Man darf wachsen, ohne schon alles zu wissen.
In diesem Sinne wünsche ich dir einen lebendigen Frühling — im Leben und im Business.

Weiterführende Blog-Artikel und Buchempfehlungen
Blog-Artikel
Einen Raum für diese Fragen zu halten — das ist Ritualarbeit. Was das bedeutet und warum sie wirkt, habe ich hier beschrieben.
Und manchmal berührt diese Bewegung noch etwas Tieferes. Nicht nur die Frage, was als Nächstes entsteht — sondern auch wofür. → Mehr dazu in meinem Artikel zur Lebensmission.
Bücher
Ursula Seghezzi: Kompass des Lebens








