Was hat die Natur mit deinem Unternehmen zu tun?

Wolkenformation am Himmel, die an einen Phönix erinnert – Symbolbild für Wandel und naturzyklische Organisationsentwicklung.

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Inhaltsverzeichnis

Ein Artikel über die Ordnung des Lebendigen – und ihre Bedeutung für eine zukunftsfähige Organisationsentwicklung

Anfang Februar bin ich nochmals tief in die Prozessarbeit mit Organisationen und Teams eingetaucht, in eine Form der Organisationsentwicklung, die sich bewusst an den Prinzipien der Natur orientiert: dem re:nature-Ansatzdes uma Instituts. Dabei bin ich über einen Begriff gestolpert, der mich zum Nachdenken gebracht hat: „die natürliche Ordnung“. Schon wieder so eine Wortkombination, die sich, wie Intuition (erinnerst du dich an den Intuitions-Artikel?), nicht so einfach festnageln lässt. Sie wird so vielschichtig gebraucht und verstanden, dass ich tiefer recherchieren wollte, um zu verstehen, was wirklich dahintersteckt – und welche Verbindung sich daraus zu Organisationen und Teams ziehen lässt. Also: Here we go …

Im Duden konnte ich keine Definition finden. Also dann, lasst uns das Wort mal zerlegen. Natürlich (lat. natura – das Geborene, das Gewachsene) meint: von selbst entstanden, nicht gemacht, nicht erzwungen. Ordnung (lat. ordo – Reihe) beschreibt die Beziehung zwischen Teilen eines Ganzen. Zusammengesetzt entsteht somit eine spannende Verbindung: Eine Ordnung, die von selbst wirkt. Die niemand herstellen muss, weil sie dem Lebendigen innewohnt.

Das klingt ja in sich erst einmal logisch und nachvollziehbar. Aber wie so oft wäre es einfach, einfach zu einfach. Denn über Jahrhunderte hinweg wurde dieser Begriff unterschiedlich, oft missbräuchlich verwendet und umgedeutet, um (Herrschafts-)Systeme zu erklären bzw. zu rechtfertigen – wie etwa Aristoteles in seiner Scala Naturae (ca. 350 v. Chr.), der eine kontinuierliche Hierarchie von Steinen über Pflanzen und Tieren bis zum Menschen als „Krone der Schöpfung“ beschrieb. Später machten christliche Denker daraus die „ Great Chain of Being “ mit Engeln und Gott oben drauf. Diese Ordnung ist von oben nach unten, so wie wir derzeit auch noch Organigramme in Firmen vorfinden (nur als kleiner „Draufstupser“ ;)).

Historische Illustration der Great Chain of Being aus dem Jahr 1579: Eine vertikale Hierarchie zeigt Gott an der Spitze, gefolgt von Engeln, Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien – verbunden durch eine Kette als Symbol göttlicher Ordnung.
Darstellung der „Great Chain of Being” aus Diego Valadés’ Rhetorica Christiana (1579). Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei

Im Großen und Ganzen lassen sich drei Bedeutungsräume unterscheiden. Die ersten beiden haben wir bereits kennengelernt: den religiös-metaphysischen (Gott, Engel, Mensch, Tier, Stein) und den philosophisch-moralischen, der daraus ableitete, wie Menschen „von Natur aus” zu sein haben. Beide dienten, wie wir gesehen haben, vor allem der Rechtfertigung bestehender Machtstrukturen.

Was dabei auf der Strecke blieb, und was mich eigentlich interessiert, ist der dritte Bedeutungsraum: der naturwissenschaftlich-systemische. Er beschreibt Ordnung als emergentes Muster aus Naturgesetzen und Selbstorganisation, also das, was entsteht, wenn viele Elemente miteinander in Beziehung treten, ohne dass jemand zentral steuert. Emergenz bezeichnet das Auftauchen neuer Eigenschaften, die erst durch das Zusammenspiel der Elemente entstehen und sich nicht in den einzelnen Teilen finden lassen (Ludwig von Bertalanffy, Allgemeine Systemtheorie, 1968).

Wenn ich in diesem Artikel also von der “Natürlichen Ordnung” spreche, meine ich ausschließlich den dritten Bedeutungsraum.

Die Natürliche Ordnung ist also das, was in jedem Ökosystem von selbst wirkt, wenn wir es nicht unterbrechen. Sie zeigt sich im Wechsel der Jahreszeiten, im Auf und Ab der Gezeiten, im stillen Netzwerk der Pilze und Bäume, die sich gegenseitig nähren. Es ist der Impuls, der den Pflanzen das Signal gibt, jetzt ihre Köpfe aus dem Boden zu stecken. Sie zeigt sich im Tod, in der (Landschafts-)Verwandlung. In Blättern, die fallen und zur Erde werden, aus der neues Leben wächst.

Eines der wichtigsten Merkmale: Kein Ökosystem wächst ins Unendliche. Jedes System, das dauerhaft mehr verbraucht, als es regenerieren kann, kollabiert irgendwann. Diese Muster sind keine spirituellen Annahmen, sondern werden in unterschiedlichen Disziplinen, von der Ökologie über die Systemtheorie bis zur Komplexitätsforschung, als Grunddynamiken lebendiger Systeme beschrieben.

Vier Prinzipien lassen sich daraus destillieren:

  1. Zyklen statt Linearität. Die Natur denkt nicht in Wachstumskurven. Sie denkt in Kreisen. Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Einatmen, Ausatmen. Werden und Vergehen. Kein Zyklus ist ein Fehler.
  2. Interdependenz statt Isolation. Nichts existiert für sich allein. Der Baum braucht den Pilz. Der Pilz braucht die Wurzel. Die Wurzel braucht das Wasser. Das Wasser braucht die Wolke. Jedes Element ist Teil eines Ganzen, das größer ist als die Summe seiner Teile.
  3. Vielfalt als Stärke. Ein Monokultur-Feld ist anfällig. Ein Mischwald ist resilient. Die Natur setzt nicht auf Uniformität – sie setzt auf Vielfalt, auf unterschiedliche Qualitäten, die sich gegenseitig ergänzen und stärken.
  4. Selbstregulation statt Kontrolle. Kein einzelner Vogel leitet den Schwarm. Kein einzelner Baum leitet den Wald. Und trotzdem bzw. gerade deshalb, entstehen komplexe, intelligente Muster, weil jedes Element auf das Ganze hört und auf das reagiert, was gerade gebraucht wird.

Ein weiterer Gedanke bzw. eher Fakt, der für mich zentral ist und den der re:nature-Ansatz des uma instituts aufgreift, betrifft die Trennung von Mensch und Natur in der westlichen Moderne. Natur wurde als Ressource und als Objekt degradiert – nicht als Mitwelt, in die wir eingebettet sind.

Das Ergebnis: Wir haben weitgehend verlernt, nach den Dynamiken lebendiger Systeme zu leben. Diese Denkweise prägt nicht nur unser Verhältnis zur Natur, sondern auch die Art, wie wir Organisationen gestalten. Sie werden (meistens) linear gedacht, nicht zyklisch und nicht co-creativ.

Ich lasse diese Frage kurz im Raum stehen…

Vielleicht hast du eine Idee, eine Spur. Vielleicht treibt dich die Neugier an. Oder hinterlässt diese Weitung eher Fragezeichen?

Wir sprechen erstaunlich selten über Ordnung, wenn wir über Organisationen sprechen. Von „Strukturen”, „Prozessen” und „Effizienz” ist dauernd die Rede, aber kaum jemand fragt: In welcher Ordnung bewegen wir uns eigentlich? Es ist ein Paradox: Wir behandeln Organisationen wie Maschinen. Wir optimieren sie, schrauben an ihnen herum, geben Befehle von oben nach unten, messen Output, kontrollieren Prozesse, setzen lineare Wachstumsziele und wundern uns dann, wenn dann eines Tages bisher funktionierende Strukturen nicht mehr erfolgsbringend sind und Menschen in ihnen erschöpfen. Wenn Kreativität, Freude und Motivation versiegen.

Dieses lineare Wachstumsdenken der heutigen Zeit ist ein Grund für Entgleisungen. Der Wirtschaftsjournalist Uwe Jean Heuser beschreibt den internationalen Kapitalismus als System, das „zu Übertreibungen neigt“, weil es strukturell auf Expansion, Beschleunigung und Renditemaximierung ausgelegt ist (vgl.Uwe Jean Heuser, Die Zeit, Analyse des globalen Kapitalismus, Bezahlartikel). Maßhalten gehört nicht zu seinen eingebauten Funktionen.

Die Parallele zur Natur ist deutlich: Jedes System, das keine Rückkopplung mehr kennt und sich von der Regeneration entkoppelt, gerät ins Ungleichgewicht. In der Ökologie nennt man das Overshoot (vgl. William Catton, Overshoot, 1980). In der Medizin unkontrolliertes Wachstum. In der Ökonomie erleben wir es als Krisenzyklen.

Und genau hier wird es interessant: Organisationen sind ebenfalls Systeme. Lebendige Systeme, die aus Menschen bestehen, aus Wesen, die selbst Natur sind. Die Rhythmen haben. Die Jahreszeiten kennen. Die nicht dauerhaft Sommerqualität sein können, also Wachstum/Expansion und auf 120 %-Leistung ausgerichtet. Warum sollten für sie andere Gesetze gelten?

Was das konkret bedeutet, welche Qualitäten jede Jahreszeit für eine Organisation bereithält und wie das europäische Lebensrad dabei als Orientierungsrahmen dienen kann, erzähle ich in diesem Artikel – am Beispiel des Frühlings. So viel vorab: Es ist erstaunlich, wie viel Klarheit entsteht, wenn man einfach fragt: In welcher Jahreszeitenqualität man sich gerade befindet und ob unser Purpose, unser Daseinsgrund, nicht nur organisationsdienlich, sondern auch übersichshinaus von Bedeutung ist.

Neben klassischen, stark shareholder-orientierten Unternehmensmodellen, in denen Gewinnmaximierung als primäre Steuerungsgröße gilt (vgl. Milton Friedman, „The Social Responsibility of Business Is to Improve Its Profits“, The New York Times Magazine, 13.09.1970), gibt es mittlerweile zahlreiche Ansätze und Initiativen, die Organisationen bewusster, menschlicher und langfristig tragfähiger gestalten wollen: New Work, Change Management, Gemeinwohlökonomie, Soziokratie sowie agile Methoden. Wir sind einem Paradigmenwechsel näher, als wir manchmal denken.

Aber sie haben alle einen gemeinsamen „blinden Fleck“: Sie sind primär bzw. ausschließlich menschenzentriert. Die Natur findet manchmal Erwähnung: Man spricht von „organischen Strukturen“ oder „agilen Zyklen“, von Nachhaltigkeit; Doch sie findet in der Umsetzung dieser Strategien keine konkrete Anwendung. Was lebendige Systeme wirklich ausmacht, welche Gesetzmäßigkeiten in ihnen wirken, wie Zyklen und Selbstregulation tatsächlich funktionieren – das bleibt außen vor.

Und das ist die Krux: Wenn wir neue Methoden auf alten Herrschaftsmustern (Topdown) aufbauen – auf Linearität, auf Kontrolle, auf der Idee, dass Wachstum keine Grenzen hat. Dann verpufft der beste Ansatz irgendwann. Und genau da setzt die naturzyklische Prozessgestaltung an.

Die Natürliche Ordnung ist kein romantischer Gedanke, sondern die Grundlage sinnvoller, lebensdienlicher und langfristig tragfähiger Systeme und damit auch von Organisationen. Sie bildet das Fundament, auf dem viele moderne Ansätze erst ihre volle Wirkung entfalten können.

Wer Zyklen versteht, plant nicht dauerhaft auf Hochleistung, sondern gibt Projekten auch einen bewussten Anfang, eine Erntezeit und ein würdiges Ende. Wer Selbstorganisation zulässt, muss weniger kontrollieren, weil Verantwortung dort entsteht, wo sie gebraucht wird.

Im Jahreszeiten-Vierklang gedacht, könnte Arbeiten in Organisationen etwa so aussehen:

  • Projekte bekommen bewusste Reflexions- und Abschlussmomente statt endloser Power-Phasen.
  • Teams und Mitarbeitende haben auch Ruhezeiten statt permanentem Beschleunigungsdruck.
  • Organisationen orientieren sich an einem größeren Sinn: Wozu sind wir eigentlich da und was ist dienlich über die Organisation hinaus?

In meiner eigenen Arbeit, im Content-Marketing ebenso wie in der Prozessbegleitung und im Privaten, beschäftige ich mich zunehmend mit diesen Zusammenhängen. Deshalb orientiere ich mich am re:nature-Ansatz des uma instituts und an der naturzyklischen Prozessgestaltung. Nicht als Methode, sondern als Versuch, die Gesetzmäßigkeiten lebendiger Systeme bewusst(er) mitzudenken. Back to nature, sozusagen.

Schaffen wir den Sprung? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es Menschen gibt, die es versuchen, mit vollem Engagement, Ideenreichtum, Tüftlergeist, Neugier und echtem Respekt vor dem, was lebt. Und das reicht mir als Grund, weiterzumachen.

Nun bin ich gespannt. A-ha oder Oh-no? Wenn du dich auch fragst, wie wir die Gesetzmäßigkeiten der Natur als echte Partner in unseren Transformationsprozessen erkennen und nutzen können und was die Natürliche Ordnung mit Organisationsentwicklung zu tun hat – freue ich mich über Kommentare, Austausch und deine Gedanken.

Herzliche Grüße

Unterschrift Anna

 

 

Vielleicht hast du nun eine erste Witterung aufgenommen. Wenn du dieser Spur weiter folgen möchtest, findest du hier einige Gedanken und Quellen zum Vertiefen.

Die Frage nach dem Sinn von Organisationen berührt auch eine persönlichere Dimension: Wofür sind wir als Menschen eigentlich hier? In diesem Artikel gehe ich der Suche nach der eigenen Lebensmission nach > Lebensmission – den Sinn des Lebens finden

  • Andreas Weber (2014): Alles fühlt – Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften
  • Robin Wall Kimmerer (2021): Geflochtenes Süßgras – Die Weisheit der Pflanzen
  • Ursula Seghezzi: Transformationskompetenz von der Natur lernen (Video)
  • Ursula & David Seghezzi (2017): Naturmystik vom Zauber dem Leben zu dienen
Buchcover Naturmystik von Ursula und David Seghezzi
  • Franziska Fink & Michael Moeller: Purpose Driven Organizations – Sinn, Selbstorganisation, Agilität (2018) Leseprobe als PDF
Buchcover Purpose Driven Organizations – Sinn, Selbstorganisation, Agilität (Schäffer-Poeschel, 2018)

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