Zyklisches Business: Der Sommer
Sommer. Die Natur ist auf dem Höhepunkt ihrer Entfaltung: die Wiesen stehen hoch, der Holunder blüht, die Tage sind lang. Vögel rufen durch die frühen Morgenstunden, Schmetterlinge kehren zurück, nachts quaken die Laubfrösche. Überall geht es um Sichtbarkeit, Lebendigkeit und Ausdruck. Alles, was im Winter geruht hat und im Frühling zur Entfaltung strebte, zeigt sich jetzt.
ENDLESS SUMMER. Wäre das nicht schön?
Viele von uns würden das sofort bejahen. Lange, oft milde Abende, Zusammenkünfte, Feste. Es ist die strotzendste, fülligste und kraftvollste Zeit im gesamten Jahreskreis. Maximale Expansion. Volle Präsenz.
Und im Business? Ähnliches Bild. Im Frühlingsartikel haben wir gesehen, warum wir den Frühling so lieben: neue Ideen, neue Projekte, frischer Aufbruch. Aber oft noch beliebter ist der Sommer: Umsetzung, Tatkraft, Sichtbarkeit, Wachstum, Dauerprojektphase. Immer tun, immer liefern, immer weiter ausdehnen. Also, endless energy? Wirklich?
Der Sommer beginnt früher, als wir denken
Im alten europäischen Jahreskreis beginnt das Sommerviertel nicht erst zur Sommersonnenwende im Juni, sondern bereits am 1. Mai, auch als Sommertor bezeichnet. Was die wenigsten wissen: Dieser Tag hat eine viel ältere Bedeutung. Für die Kelten markierte das Beltane-Fest den Eintritt in die helle Jahreshälfte, den Beginn einer Zeit, in der das Leben seine volle Kraft nach außen entfaltet.
In vielen Regionen Europas wurden in dieser Nacht Feuer entzündet. Und das ist kein Zufall. Es steht stellvertretend für die sich zyklisch erneuernde Lebenskraft: Es lodert auf, spendet Wärme und Licht, verglüht und wird neu entfacht. Jahr für Jahr. Immer wieder.

Der Sommer ist mehr als eine Jahreszeit
Im Lebenskompass nach Seghezzi ist der Sommer die Phase der Erwachsenen. Die Lebensaufgabe des Kindes (Frühling) war Spiel, die des Erwachsenen ist Tun. Konkret: Versorgen (für jene, die es noch nicht oder nicht mehr können), Beruf und Berufung sowie die bedingungslose Hingabe zum Leben selbst.
Das Element ist Feuer, die Farbe ist Rot. Es ist die Phase der nach außen gerichteten Lebensenergie — Hitze, Helligkeit, Saft und Kraft (vgl. Seghezzi, Kompass des Lebens, ab S. 92). Die Natur ist nicht mehr beim Ausprobieren. Sie ist in voller Entfaltung.
Und diese Phase hat einen Höhepunkt: die Sommersonnenwende am 21. Juni. Den längsten Tag des Jahres. Im Lebenskompass markiert sie den Zeitpunkt größter Wirkungskraft. Danach beginnt das Licht langsam wieder abzunehmen. Das klingt zunächst seltsam: Mitten im Sommer wird es schon wieder weniger? Ja. Und genau darin liegt eine weitere Botschaft des Sommers:
Volle Entfaltung ist kein Dauerzustand. Sie ist ein Moment und er will bewusst gelebt werden.
Das Problem ist das „endless“ davor
Viele von uns lieben den Sommer auch im Business bzw. kennen nur diesen “Zustand”: Man ist fleißig, tatkräftig, aktiv und kann dies auch noch in Stückzahlen sowie KPIs messen und mit Likes belegen. Zum Thema wird es, wenn aus Hoch-Zeit-Energie ein Daueranspruch wird: immer sichtbar, immer produktiv, immer liefernd, immer weiter.
Wenn wir das Leben und auch das Business zyklisch statt linear betrachten, kann das auf Dauer nicht passen. Dabei ist aber nicht die Sommerenergie das Problem, sondern die Art, wie wir mit ihr umgehen. Das Problem ist das „endless“ davor.
Vielleicht kennst du das: Ein Projekt ist kaum abgeschlossen, da startet das nächste. Immer tun, immer “let’s keep marchin’ on”, immer gut drauf und im “Extrovertiertmodus”. Reflexion? Kommt später. Pause? Irgendwann mal. Das ist Sommer ohne Danke, Ernte und Abschluss (Herbstqualität) und ein dringend benötigter Winter ohne Ruhe und Schlaf.
Echte Sommerenergie ist fokussiert, kraftvoll und zeitlich begrenzt. Sie weiß, wofür sie brennt. Und sie weiß, dass das Feuer Pausen braucht, um neu entfacht zu werden.
Denn das zyklische Weltbild kennt keine Dauersteigerung. Es kennt Bewegung, in Wellen.
Wenn du tiefer in die natürliche Ordnung und ihre Bedeutung für Business und Organisationen eintauchen möchtest, habe ich dazu an anderer Stelle ausführlicher geschrieben.
Was das mit zyklischem Business zu tun hat
Ein Zustand permanenter Expansion kann auf Dauer nicht tragfähig sein. Das Feuer, das nie erlischt, frisst irgendwann alles, was es trägt. Aber, und das ist der entscheidende Punkt, die Lösung ist nicht weniger Sommer. Die Lösung ist: den Sommer vollständig und bewusst leben. In seiner echten Qualität und zur richtigen Zeit.
Tatkraft mit Richtung
Im Frühling war alles möglich. Jetzt ist die Zeit der Entscheidung. Aus dem luftigen Brainstorming wird konkretes Tun. Eine Idee, ein Projekt, eine Botschaft bekommt volle Aufmerksamkeit. Das verlangt Mut zur Setzung und das bewusste Loslassen von allem, was nicht dran ist.
Sichtbarkeit aus der Mitte
Sommer heißt: Du zeigst dich. Nicht, weil du musst, nicht, weil der Algorithmus es verlangt. Sondern weil du etwas zu geben hast. Echte sommerliche Sichtbarkeit entsteht nicht aus Angst vor dem Vergessenwerden. Sie kommt aus dem Gefühl heraus: „Ich stehe hinter dem, was ich tue. Es ist reif. Es darf gesehen werden.”
Das Feuer der Begeisterung
Das Feuer des Sommers ist kein reiner Verbrennungsmotor. Es ist auch das Feuer der Berufung. Die Frage lautet nicht: „Was muss ich jetzt tun?” — sondern: „Wofür brennt mein Herz, und wie bringe ich das in die Welt?” Begeisterung ist die Triebkraft des erwachsenen Tuns. Wo sie fehlt, bleibt Arbeit Pflichterfüllung.
Wenn dich die Frage nach Berufung, Sinn und dem eigenen Weg tiefer beschäftigt, findest du hier weitere Gedanken dazu:
→ Lebensmission finden: Berufung, Sinn und die Frage nach dem Warum
Zyklisches Arbeiten: Reflexionsimpuls
Vielleicht hilft manchmal schon ein ehrlicher Blick auf sein Tun. Nimm ein Blatt Papier. Male einen Kreis und teile ihn in vier Bereiche mit den Feldern: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Die vier Bereiche stehen dabei sinnbildlich für unterschiedliche Qualitäten:
Frühling: Aufbruch, Ideen, Anfänge, Visionieren.
Sommer: Umsetzung, Wachstum, Sichtbarkeit, Gemeinschaft.
Herbst: Ernten, Würdigen, Verdichten, Auswerten, Abschließen.
Winter: Stille, Rückzug, Reifung.
Und dann schau ehrlich hin: Wo bist du gerade stark? Was lebst du wirklich? Und was bleibt eher unbetrachtet? Und, ist dein Jahreskreis rund, also ausgeglichen? Oder bildet er eher eine “Kartoffel”?
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→ Ruft dich das jetzt? Mehr Infos zu BrandBalance

Kurzes Fazit und weitere Gedanken
Sich im zyklischen Handeln zu verorten bedeutet nicht zwangsläufig, weniger zu tun. Es bedeutet, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun.
Die Schriftstellerin Robin Wall Kimmerer schrieb in ihrem Buch “Geflochtenes Süßgras”, dass in einer Konsumgesellschaft Zufriedenheit ein radikaler Vorschlag sei. Denn wenn wir Überfluss statt Knappheit erkennen, untergräbt das eine Wirtschaft, die darauf beruht, dass ständig neue Bedürfnisse geweckt werden.
Also, “endless” scheint wirklich kein guter Berater zu sein, und so können wir uns auch in der vollsten Entfaltungsphase bewusst machen, dass wir darin schon alles haben.
Und wenn wir nun ganz ehrlich hinschauen, könnte auch ein neuer Sommer unser potenziell letzter sein, in dem wir das letzte Mal zur Arbeitsstelle fahren müssen oder den Mohn das letzte Mal sehen können …
So lasst uns ganz erwachsen sein: voller Entfaltung und Freude unseren Weg gehen, mit dem Wissen, dass Werden und Vergehen zwei Seiten derselben Bewegung sind. Im Leben und im Business.
In diesem Sinne: Feuer frei.

Zum Weiterlesen & Weiterdenken
Bücher
Unbezahlte Empfehlungen, die mich in meinem Denken und Arbeiten begleitet haben:
Ursula Seghezzi: Macht Geschichte Sinn
Wie und warum das zyklische Wissen aus unserer Kultur verschwunden ist und was dahintersteckt. Sehr lesenswert.

Stephan Schäfer: 25 LETZTE SOMMER
Ein Buch, das die Frage stellt, wie wir die Zeit nutzen, die wir haben. Berührt.








