Rufbereitschaft & Intuition: Den Kontakt zu unseren inneren Signalen neu entdecken
Weiter geht es mit dem vierten Teil der Rufbereitschafts-Reihe. Während ich mich bei der Recherche zu diesem Artikel durch Definitionen, Studien, Stimmen und Meinungen gearbeitet habe, ist mir etwas aufgefallen: Es gibt Wörter, die sich nicht eindeutig festnageln lassen. Sie verändern ihre Bedeutung und wechseln den Rahmen je nach Blickwinkel, Kontext, Erfahrung und Referenzwert.
Intuition ist so ein Wort.
Schwer zu (er)fassen, aber erstaunlich wirkmächtig.
Vielleicht wird sie gerade deshalb so oft missverstanden. Weil sie sich nicht wie z. B. eine Methode erklären lässt. Und weil wir gelernt haben, Entscheidungen fast ausschließlich rational zu treffen: mit Zahlen, Daten und Fakten. Eine Stimme aus dem “Off”? Die gilt schnell als unzuverlässig oder wird gleich als Humbug abgetan. Was genau meinen wir, wenn wir „aus dem Bauch heraus“ oder “Ich bin da meiner Intuition gefolgt“ sagen?
Der Duden definiert Intuition als „das unmittelbare, nicht auf reflektierendes Denken gegründete Erkennen, Erfassen einer Situation oder eines Sachverhalts.“ Kurz gesagt: Erkennen ohne zu denken. Lassen wir das einen Moment wirken: Also, ein Erkennen, bevor der Gedanke einsetzt.
Und genau das macht Intuition so schwer greifbar und gleichzeitig sooo spannend. Also: Lass uns genauer hinschauen. Ready?
Was wir meinen, wenn wir von innerer Orientierung sprechen
Der Begriff „Intuition“ geht auf das mittellateinische intuitio zurück („unmittelbare Anschauung“) und ist mit dem Lateinischen intueri („ansehen“ oder „betrachten“) verwandt (vgl. Duden). Entscheidend ist dabei das Wort unmittelbar: Intuition beschreibt ein Erfassen, das ohne Umweg über Analyse, Bewertung oder Erklärung geschieht. Also ein “nicht-analytischer Denkprozess“.
Wenn ich in diesem Artikel von innerer Orientierung spreche, meine ich genau dieses leise Vorauswissen im Moment: etwas, das schon da ist, bevor wir es begründen können. Ein „Wissen“, das sich aus Erfahrungen, gespeicherten Mustern, Körperreaktionen, Lernprozessen, Erinnerung, Bewertung und Werten im Hintergrund speist (vgl. Frontiers).

Intuition als verkörpertes Wissen
In der Ethnologie und Religionsforschung wird Intuition häufig als verkörpertes Wissen beschrieben: Wissen, das nicht primär über Sprache oder Analyse zugänglich ist, sondern sich im Tun, im Erleben und im Körper ausdrückt. Es zeigt sich in Gesten, Ritualen, Trancezuständen, Tanz, Heilpraktiken oder spontanen Entscheidungen. Nicht als abstrakte Erkenntnis, sondern als gelebte Erfahrung, die im Körper verankert ist und sich situativ entfaltet (vgl. JSTOR).
Intuitive Erkenntnis ist dabei selten “exakt”. Sie bewegt sich eher im Bereich der Annäherung oder der Heuristik (griechisch heurískein = finden, entdecken). Also in der Fähigkeit, stimmige Entscheidungen zu treffen, ohne alle Informationen vollständig zu analysieren.
Intuition als kollektives Wissen bei Naturvölken
Auch unsere eigenen europäischen Vorfahren lebten in einem Selbstverständnis, das wir heute als naturmystisch bezeichnen würden. Orientierung entstand nicht nur im Kopf, sondern in Beziehung – zu Landschaft, Jahreslauf, Gemeinschaft. Naturverbundenheit war nichts Besonderes, sondern ein ganz natürlicher, selbstverständlicher Teil des (Alltag-)Seins. Erst in einer Kultur, die sich von der Natur getrennt hat, wird Intuition zu etwas, das „gesucht“, „erklärt“ oder „wiedererlernt“ werden muss.
Und auch heute gibt es Kulturen, in denen das, was wir aus westlicher Perspektive als „Intuition“ übersetzen würden, nicht als privates Bauchgefühl verstanden wird, sondern als verkörpertes und kollektives Erfahrungswissen. Bei den Kogi in Kolumbien entstehen Entscheidungen durch gemeinsames Aussprechen und Resonieren von Ahnungen und Gefühlen, die symbolisch an die Natur zurückgegeben werden. Bei den Maasai wird Stimmigkeit über Tanz, Rhythmus und Bewegung „gewusst”, noch bevor Worte entstehen. Auch bei den Aborigines Australiens ist Wissen untrennbar mit Körper, Land und gemeinsamer Erfahrung verbunden.
Dieses Wissen bleibt lebendig, naturverbunden, eine verlässliche Kompassnadel ohne GPS und neueste Technologie. Ohne “Ich-Bezogenheit”, sondern für einen im ganzen (Clan-)Gefüge – im deutlichen Kontrast zu unserer westlichen Kultur.
Bauchgefühl oder innere Führung?
Im Alltag werden Bauchgefühl und Intuition häufig gleichgesetzt. Gemeint ist damit eine spontane Reaktion: ein „stimmt“ oder „stimmt nicht“, noch bevor wir es erklären können.
Ich würde es so fassen:
- Bauchgefühl ist oft die körperliche Rückmeldung: Weite oder Enge, Ruhe oder Unruhe, ein inneres Ja oder Nein.
- Intuition ist der Prozess, der dieses Signal einordnet: Was ist hier gerade wirklich stimmig – und was ist vielleicht Angst, Prägung oder alte Geschichte?
Der Körper erkennt Muster schneller, als wir sie denken können. Aber erst wenn wir innehalten, zuhören und unterscheiden, wird aus einer Reaktion eine stimmige Richtung.

Drei Perspektiven auf ein leises Phänomen
Denn der Begriff Intuition wird in verschiedenen Fachbereichen der Psychologie, Philosophie und im spirituellen Kontext sehr unterschiedlich verwendet. Etwa als direkter Zugang zu unbewusstem Wissen, als unbewusste Wahrnehmung, als Bauchgefühl, als inneres Spüren, als instinktives Verstehen oder als Erfassen verborgener Muster, ohne logische Ableitung (vgl. Wikipedia).
Ach so, aha. Verstanden. Es scheint, als könne Intuition alles und nichts bedeuten … Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen und die unterschiedlichen Perspektiven auseinanderzuhalten, um dieses leise Phänomen greifbarer zu machen.
Psychologisch: Wissen vor dem Denken
In der Psychologie gilt Intuition oft als unbewusste, schnelle Informationsverarbeitung. Sie speist sich aus Erfahrung, gespeicherten Mustern und Körpersignalen. Ein inneres Wissen, das auftaucht, bevor der Verstand argumentiert. Viele Menschen berichten, wichtige Entscheidungen „aus dem Bauch heraus“ getroffen zu haben: ohne lange Analyse, aber (oft) mit Erfolg. Das macht Intuition nicht irrational. Es macht sie menschlich.
Philosophisch: Erkenntnis von innen
Der Philosoph Henri Bergson versteht Intuition als Erkenntnisweg von innen. Also nicht das Bild einer Stadt auf der Postkarte, sondern das Leben in ihr. Er unterscheidet dabei zwischen Intellekt und Intuition: Der Intellekt hilft uns, uns in der materiellen Welt zu orientieren (ordnen, messen, trennen). Intuition führt eher in das Werden hinein, in das Wesen des Lebens als Ganzes und verbindet uns mit seinem Sinn (vgl. Britannica).
Wichtig: Bei Bergson ist Intuition kein Ersatz des Intellekts. Beide Erkenntnisformen stehen nicht im Widerspruch, sondern ergänzen einander. (vgl. Tabularasa Magazin).
Intuition ist die Stimme unserer Seele. Intuition ist die Fähigkeit, deiner Seele zuzuhören, ihre Sprache zu verstehen und ihre Botschaften anzunehmen – Alexandra Sorgenicht
Spirituell: Die innere Stimme der Eingebung
Aus spiritueller Perspektive wird Intuition oft als Erfahrungswissen beschrieben, das über den individuellen Ego‑Verstand hinausgeht und dennoch zutiefst persönlich ist. Begriffe wie „kollektives Unbewusstes“, eine Art Menschheitsgedächtnis (nach Jung), „morphisches Feld“ (Sheldrake), „Higher Self“ oder einfach „Verbundenheit mit etwas Größerem“, das uns mitbewegt. Intuitive Impulse erscheinen dann als leise Signale aus diesem Feld.
Manche populärwissenschaftliche Ansätze (z. B. Bruce Lipton) und spirituelle Deutungen verbinden Epigenetik (ein Gebiet der Biologie, das sich mit den Mechanismen der Genregulation und ihrer Vererbung befasst, vgl. Duden) mit Intuition: Erfahrungen hinterlassen chemische Spuren an unserer DNA, sogenannte epigenetische Marker. Und so wird auch angenommen, dass Dispositionen über Generationen weitergegeben werden. In uns schwingen so Erfahrungen, Talente und Sensibilitäten vieler Generationen mit – als Potenziale, die unser inneres Resonanzfeld prägen (Braineffekt).
Was bedeutet dieses Wissen nun für unser eigenes Erleben – ganz konkret, im Alltag?
Rufbereitschaft durch Intuition
Ich kann darauf nur aus meiner Erfahrung antworten: Für mich bedeutet Rufbereitschaft in diesem Kontext: innerlich erreichbar zu sein, für das, was sich stimmig anfühlt, statt nur an „gut/schlecht“ oder „richtig/falsch“ festzuhalten. Die innere Stimme ist dabei kein Orakel, sondern mehr ein Kompass. Sie übersetzt Signale wie Gänsehaut, Enge, Weite oder Ruhe und ich lerne, diese Signale für mich einzuordnen und in Stimmigkeit zu bringen. Vertrauen in unsere (Körper-)Weisheit entsteht dabei nicht allein durch Glauben, sondern durch Übung. Und durch die Bewusstheit dafür, wie unser ganz eigener Zugang zu dieser inneren Stimme aussieht.
„Glück ist Definitionssache und bedeutet für jeden Menschen etwas anderes. Deshalb kann uns niemand sagen, welche Entscheidungen wir treffen sollen und wie wir glücklich werden. Nur wir selbst. Unser Werkzeug ist die Intuition.“ – Sina Wendt von Soulflake
Grenzen und Fallstricke von Intuition
Heißt das, wir sollen nur noch nach Bauch und Körperreaktionen entscheiden? Nein.
Intuitive Eingebungen sind nicht unfehlbar. Sie können von Emotionen, Vorannahmen oder unbewussten Vorurteilen beeinflusst werden. Ein „schlechtes Gefühl“ kann aus alten Verletzungen stammen, nicht aus der tatsächlichen Situation. Studien legen außerdem nahe, dass Menschen die Zuverlässigkeit ihrer Intuition leicht überschätzen: Starkes Vertrauen bedeutet nicht automatisch eine hohe Trefferquote (vgl. National Library of Medicine). Hilfreich ist eine Art Kalibrierung (also ein Tracking: Was hat geklappt?): kleine Entscheidungen intuitiv treffen, Ergebnisse beobachten und so lernen, wann die eigenen inneren Signale zuverlässig sind und wann sie alte Geschichten erzählen.
Zusammenfassung, Fazit und Praxis-Impulse
Die Recherche, das Sondieren und das Zusammenführen dieses Artikels waren, ehrlich gesagt, fordernd. So viele Perspektiven, so viele Deutungen, zig Millionen Treffer bei Google – oft widersprüchlich, oft nebeneinanderstehend. Puuuuh.
Und doch hat mir genau diese Vielfalt eines sehr deutlich gemacht: Intuition ist kein Trend. Sie ist kein Hype. Sie ist ein altes, archaisches Wissen – körperlich verankert und tief menschlich. Vielleicht ist sie gerade deshalb wieder so präsent: weil sie uns in einer hochgradig rationalisierten Welt an etwas erinnert, das wir nicht verloren, sondern überlagert haben.
Inmitten von Orientierungslosigkeit und Überangebot fragt sie: Was will ich eigentlich wirklich?
Und somit wird Intuition zu einem Vehikel, um dieser Frage näherzukommen. Sie lässt sich nicht erzwingen. Nicht durch noch mehr Nachdenken, nicht durch To-do-Listen, nicht durch Optimierung. Für mich zeigt sie sich über den Körper: als Stimmigkeit, als inneres „Yes, that’s it“. Als Gänsehaut, Kribbeln, Weite. In Momenten der Stille, in Gesprächen, beim Lesen, draußen in der Natur.
Intuition bringt Intellekt, Gefühl und Körperwissen zusammen. Der Verstand strukturiert. Gefühle geben Richtung. Der Körper weiß. Gerade deshalb ist Intuition nicht irrational – sondern über-rational.
Intuition lässt sich nicht denken – aber erfahren und schulen. Und dafür dürfen wir selbst aktiv werden. Es gibt keine Abkürzung. Keine Pille. Niemanden im Außen, der uns das abnehmen könnte.
Als ersten Schritt habe ich drei einfache Übungen in einem Mini-Praxis-Guide zusammengefasst: Sie lassen sich gut in den Alltag integrieren. Der Guide ist kostenfrei und steht dir im Rahmen einer Newsletter-Anmeldung zur Verfügung (eine Abmeldung ist jederzeit möglich).
Der Mini-Guide ist eine Einladung zum Ausprobieren. Und jetzt interessiert mich: Wie ist das bei dir? Ist deine innere Stimme bereits eine Verbündete, ein Wegweiser im Alltag? Ich freue mich über deine Gedanken und Erfahrungen – gern in den Kommentaren oder im direkten Austausch.
Neugierig, wie Naturraum und Jahreszeitenrhythmen diesen inneren Kompass weiter schärfen können? Der nächste Artikel der Reihe folgt bald.
Intuitive Grüße

Rufbereitschaft – Die Artikelserie im Überblick
Rufbereit? Dann geht es hier weiter:
➡️ Teil 1: Was der Ruf des Lebens überhaupt ist
➡️ Teil 2: Welche Methoden der Selbstreflexion den Ruf hörbar machen
➡️ Teil 3: Interview mit Susanne Buckler für berufliche Träume
Persönliche Leseempfehlung
Ein Buch, das mich während der Arbeit an diesem Artikel immer wieder begleitet hat, ist „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés. Es ist kein Sachbuch über Intuition, sondern eine tiefgehende, bildhafte Annäherung an verkörpertes Wissen, innere Führung und das Wieder-Erinnern einer wilden, weisen inneren Stimme. Sehr lesenswert, wenn du tiefer eintauchen möchtest.








